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Deutsches Museum und ein doppelter Geburtstag

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2021

„In diesem Haus darf jeder machen, was ich will!“ Dieser Satz, den Sie als Inhaber eines Architektur-, Bauingenieur-, Vermessungs- oder sonstigen Bauplanungsbüros sich möglicherweise gelegentlich insgeheim unausgesprochen denken, ist einem Mann zuzuschreiben, der exakt heute vor 166 Jahren in München das Licht der Welt erblickte: Oskar von Miller. Übrigens ein Kollege von Ihnen, werte Bauingenieure. Sagt Ihnen nichts? Dabei feiert sein bekanntestes Werk heute ebenfalls Geburtstag: den 96-sten. Die Rede ist von einem der bis heute größten Wissenschafts- und Technikmuseen der Welt: dem Deutschen Museum in von Millers Heimatstadt München. Weil dieses bedingt durch die Corona-Pandemie aktuell noch geschlossen ist, liefert die pisa Versicherungsmakler GmbH als vor den Toren Münchens ansässiger, inhabergeführter Fachversicherungsmakler für Architekten, Beratende Ingenieure, Bauingenieure, Vermessungsingenieure und andere Bauplaner an dieser Stelle eine Würdigung des doppelten Geburtstages.

Oskar von Miller (Foto: Wikipedia (Photograph by Rudolph Dürkoop (1848-1918))

Oskar Miller, ab 1875 von Miller, im heute bayerisch-schwäbischen (damals bayerischen) Aichach als Sohn des Inspektors der Königlichen Erzgießerei in München, Ferdinand von Miller (u.a. die Bavaria-Statue), geboren, studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule München, trat anschließend in den bayerischen Staatsbaudienst ein. Die behördliche Arbeitsweise bot dem aufstrebenden Ingenieur aber nicht den notwendigen Spielraum. Er erhielt jedoch 1881 die Möglichkeit, im Rahmen eines unbezahlten Sonderurlaubs die Pariser Elektrizitätsausstellung zu besuchen, um für Bayern die Möglichkeiten der Wasserkraftnutzung zu erkunden. Im Selbststudium arbeitete er sich in die noch junge Elektrotechnik ein. 1882 organisierte er in München die erste elektrotechnische Ausstellung in Deutschland. Auf dieser Ausstellung gelang ihm zusammen mit Marcel Depréz als erstem die Übertragung von elektrischem Strom über eine Strecke von rund 60 Kilometern von Miesbach nach München. 1883 bis 1889 war von Miller, gemeinsam mit Emil Rathenau, Direktor der Deutschen Edison-Gesellschaft (später: AEG). Die Stelle nahm er an, da seine Wasserkraftpläne in Bayern von den Behörden noch nicht angenommen wurden. 1890 gründete er sein eigenes Ingenieurbüro und wurde bald führend auf dem Gebiet der Energiewirtschaft. Er übernahm im Jahr 1891 die Leitung der Internationalen elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt am Main. Wieder gelang ihm zusammen mit Michail Ossipowitsch Doliwo-Dobrowolski mit der Fernübertragung von 20.000 Volt Drehstrom über die 176 Kilometer lange Distanz von Lauffen am Neckar bis Frankfurt am Main eine technische Meisterleistung, die den Durchbruch der Wechselstromübertragung bedeuten sollte. 1892 nahm das nach den Plänen Oskar von Millers errichtete Wasserkraftwerk in Schöngeising seinen Betrieb auf und versorgte die nahegelegene Kreisstadt Fürstenfeldbruck als eine der ersten Städte in Bayern mit Strom für eine elektrische Straßenbeleuchtung. Das historische Kraftwerk ist mit seinen drei Turbinen und zwei Generatoren bis heute in Betrieb und steht unter Denkmalschutz. 1895 ersteigerte er im heutigen Schwandorfer Stadtteil Ettmannsdorf das Hammerwerk und richtete dort ein Elektrizitätswerk ein. Da in Schwandorf eine Versorgung mit Stadtgas fehlte, konnte er hier einen weltweit bedeutenden Versuch starten. Ab März 1927 begannen wagemutige Hausfrauen einen Großversuch im elektrischen Kochen. Von 1918 bis 1924 war er Projektleiter beim Bau des damals größten Speicherkraftwerks der Welt, des Walchenseekraftwerks. Ebenso trieb er den Aufbau eines gesamtbayerischen Stromversorgungsnetzes voran. Aus dieser Initiative entstand das Bayernwerk. Von 1922 bis 1933 war von Miller Mitglied des Senats der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Auch unabhängig von der Wasserkraftnutzung blieb von Miller mit dem Wasserbau dem Bauingenieurwesen verbunden. So initiierte er für das wasserreiche Bayern ein wasserbauliches Institut, die heutige „Versuchsanstalt für Wasserbau und Wasserwirtschaft, Oskar von Miller Institut“ der Technischen Universität München in Obernach nahe dem Walchensee, das seither nicht nur nahezu alle größeren bayerischen Wasserbauprojekte untersucht, sondern auch weltweit tätig ist und Vorbild für andere Wasserbauinstitute war.

Das Deutsche Museum in München. Foto: Deutsches Museum

Doch bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden ist das Deutsche Museum in München. Am 1. Mai 1903 hatte Oskar von Miller ein Rundschreiben verschickt, das die Gründung eines Museumsvereins zum Inhalt hatte. Adressaten dieses Schreibens waren reichsweit bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Industrie, mit denen von Miller zum Teil seit seiner Schulzeit bekannt war – so zum Beispiel Walther von Dyck und Wilhelm Conrad Röntgen, des Weiteren Carl von Linde, Georg Krauß, Hugo von Maffei und Rudolf Diesel. Aus diesen Persönlichkeiten bildete sich ein enger Kreis von 37 Personen, aus deren Mitte sich bereits am 5. Mai 1903 ein per Akklamation gewähltes provisorisches Komitee konstituierte, in dessen Rahmen 260.000 Mark gespendet wurden. Am 28. Juni 1903 fand im Vorfeld der 44. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in München die Gründungssitzung des „Vereins des Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ statt. Über Oskar von Millers Bruder, Ferdinand von Miller, wurde der Kontakt zu Prinz Ludwig hergestellt, der ebenso wie Kaiser Wilhelm II. als „Protektor“ gewonnen werden konnte. Dem Gründungsaufruf folgten weitere bekannte Persönlichkeiten wie Max Planck, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und Millers früherer Chef bei der AEG, Emil Rathenau, und boten ihre Mithilfe an. Der Magistrat der Stadt München unter Wilhelm von Borscht stellte einen Teil der alten Kohleninsel in der Isar als Baugrund für einen neu zu errichtenden Museumsbau zur Verfügung. Den Grundstock der Sammlungen stellten Stiftungen aus der Industrie und insbesondere die Übertragung der Sammlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Ausschreibung für den Museumsausbau auf der Kohleninsel gewann 1906 der Architekt Gabriel von Seidl. Bis zur Fertigstellung des Neubaus bezogen die Ausstellungen des Deutschen Museums vorläufig Räume im alten Bayerischen Nationalmuseum an der Maximilianstraße, wo am 12. November 1906 im Beisein des deutschen Kaisers die Eröffnung stattfand. Am 13. November wurde auf der Kohleninsel der Grundstein für den Neubau gelegt. Ab dem 21. November 1906 waren die provisorischen Ausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Resonanz der Bevölkerung auf das neue Museum war gut; in den ersten 25 Besuchstagen kamen über 26.000 zahlende Besucher, dazu mindestens 4000 Museumsmitglieder, zusammen also über 1200 pro Tag, darunter Schulklassen, die 15 Karten für 1 Mark erwerben konnten. Im ersten vollständigen Betriebsjahr 1907 verzeichnete das Deutsche Museum ca. 211.000 Besucher. Der Baubeginn auf der Kohleninsel verzögerte sich bis Februar 1909. Am 1. Januar 1909 eröffnete das Deutsche Museum eine Zweigstelle in der Schwere-Reiter-Kaserne an der Zweibrückenstraße. Der Neubau verzögerte sich wegen des schwierigen Untergrundes der Kohleninsel. Aufgrund des Schwemmsand-Bodens mussten mehrere tausend Betonpfähle in den Boden getrieben werden, um das Fundament zu stabilisieren. Am 5. Oktober 1911 fand das Richtfest des Museumsneubaus statt. Die Eröffnung wurde 1912 für das Jahr 1915 geplant und später auf 1916 verschoben. Kriegsbedingt mussten jedoch die Bauarbeiten 1916 unterbrochen werden. Die Außenstelle in der Schwere-Reiter-Kaserne musste Ende 1918 geschlossen werden, da Platz für heimkehrende Soldaten benötigt wurde. Die in der Kaserne untergebrachten Exponate wurden provisorisch in den zweiten Stock des Neubaus verlagert. Bereits 1913 war der Architekt Gabriel von Seidl gestorben, 1919 starb auch Emanuel von Seidl, der den Bau nach dem Tod seines Bruders Gabriel fortgeführt hatte. Nachfolger von Emanuel von Seidl wurde Oswald Bieber. Mit den politischen Umwälzungen am Ende des Ersten Weltkrieges wurde dem Deutschen Museum ein wesentlicher Teil seiner finanziellen Mittel entzogen. Die Inflation vernichtete das Barvermögen der Stiftung, während sich die Unterstützung durch Staat und Wirtschaft ebenfalls verringerte und die Besucherzahlen zurückgingen. Aufgrund der desolaten Kapitallage war die Fortführung des Museumneubaus zeitweise stark gefährdet. Aus diesen Gründen konnte der Bau bis zur geplanten Eröffnung nicht fertiggestellt werden. Trotz alledem wurde der Neubau des Deutschen Museums am 7. Mai 1925 – zu Oskar von Millers 70. Geburtstag – mit einem pompösen Fest eröffnet. Das Deutsche Museum war eines der ersten größeren Gebäude, die aus Stahlbeton errichtet wurden. Die Verwendung dieses damals noch neuen und fortschrittlichen Baumaterials wurde bewusst gewählt, um den Stand der Technik aufzuzeigen und somit auch das Gebäude selbst quasi zu einem Teil der Ausstellung zu machen. Die Kohleinsel wurde im Zusammenhang mit der Museumseröffnung in Museumsinsel umbenannt. Gerhart Hauptmann (1862-1946), ein 1912, also wenige Jahre vor der Museumseröffnung mit dem Nobelpreis für Literatur ( „Die Weber") ausgezeichneter deutscher Dramatiker und Schriftsteller, hatte eigens das Stück „Festaktus" zur Eröffnung des Deutschen Museums in München für den Anlass verfasst.

Bald nach der Eröffnung des Deutschen Museums ging in den politisch instabilen Jahren der späten Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus darum, die Selbstbestimmung der Leitung des Deutschen Museums zu erhalten. Der Vorstand um Oskar von Miller vertrat die Auffassung, das Deutsche Museum müsse unpolitisch bleiben, was bereits Mitte der 1920er-Jahre zu Anfeindungen durch die Nationalsozialisten führte. Als besonderes Politikum erwies sich eine Bismarck-Statue, die für die Ehrenhalle des Museums gestiftet wurde, deren Aufstellung dort von Miller aber verweigerte. Auch die international ausgerichtete Sammlungspolitik wurde von rechtsnationalen Kreisen scharf kritisiert. Oskar von Miller trat deshalb 1933 als Museumsleiter zurück. Durch Bombentreffer wurden 1944 etwa 20 Prozent des Sammlungsbestandes und etwa 80 Prozent der Gebäude auf der Museumsinsel zerstört. Der Wiederaufbau hatte noch während der nationalsozialistischen Herrschaft im Februar 1945 begonnen. Im Oktober 1947 wurde eine erste Sonderschau zum Dieselmotor gezeigt und am 7. Mai 1948 wurde das Museum offiziell wiedereröffnet. Doch der Begründer des Deutschen Museums, Oskar von Miller, hatte all' dies nicht mehr miterlebt. Er war bereits 1934 im Deutschen Museum an den Folgen eines Herzanfalls gestorben. Bis heute steht der Begründer des Deutschen Museums für das bildungsorientierte Mitmachprinzip, das heißt Exponate laden zu kleinen physikalischen Experimenten ein, oder auf Knopfdruck laufen automatisierte Miniaturen. Millers Aphorismus „In diesem Haus darf jeder machen, was ich will!“ ist noch heute im Eingangsbereich des Deutschen Museums zu lesen. Die pisa Versicherungsmakler GmbH hofft, dass das Deutsche Museum alsbald seine Pforten für Besucher wieder öffnen darf. Damit auch in Zukunft (junge) Menschen mit der Begeisterung für Wissenschaft und Technik angesteckt werden. Damit es in unserem Land auch in Zukunft hinreichend Architekten, Beratende Ingenieure, Bauingenieure, Vermessungsingenieure und andere Bauplaner gibt, die Garanten für eine werthaltige Bau(planungs)kultur sind. In diesem Sinne: In Memoriam Oskar von Miller! Happy Birthday, Deutsches Museum! Ein Hoch auf Technik, Wissenschaft, Ingenieurskunst und Bauplanungswesen!

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